Auf dem Weg zum Buch
Gigerhannes existiert als abgeschlossenes Manuskript – der Weg zum fertigen Buch ist jedoch noch nicht zu Ende.
Lektorat und Korrektorat laufen derzeit. Dazu kommen die praktischen Aufgaben: die Organisation von Druckkostenbeiträgen, die Planung von Lesungen, Öffentlichkeitsarbeit und all das, was ein Buchprojekt erst richtig ins Rollen bringt.
Zum Glück kann ich dabei auf erfahrene und engagierte Fachleute zählen.
Und so wird rund um den Gigerhannes eines der ersten Bücher des frisch gegründeten Verlags Zentralplatz entstehen.
"Gefahren sind sie übrigens höchst selten, die Fahrenden. Das Einzige was rollte, war der Karren mit ihren Habseligkeiten, den sie vor sich herschoben."
"Es hiess, wir hätten Kinder gestohlen. Tatsächlich nahmen fahrende Familien manchmal einen Waisenjungen auf, der dem brutalen Direktor der Armenanstalt entkommen war, oder ein Mädchen, das lieber floh, als die arrangierte Ehe mit dem Nachbarsbauern einzugehen."
"Meine Vorstellung von den Menschen dieser Zeit war immer düster gewesen. Ausgemergelte Gesichter mit tiefen Furchen, leerem Blick. Wie froh war ich um Ricos und Turis Geschichten, die mich in glückliche Gesichter vergangener Tage blicken liessen. Dass es meine Vorfahren waren, die mit dieser Freude andere anstecken konnten, machte mich Stolz."
"Nicht wer nichts hatte war der Ärmste, sondern wer nichts hatte und einsam war. Hannes' Sippe häufte Freundschaften an, nicht Besitztümer. Für das Überleben war das viel wichtiger."
"Eine Tanznacht dauerte bis zum Morgengrauen. Damals zog man sich nicht nach ein paar kurzen Stunden zurück. Da wurde gegessen, getrunken, getanzt – bis die aufgehende Sonne die Heimwege wieder sicher machte. Wer sich nämlich in der Dunkelheit der Nacht auf den Weg machte, der riskierte sein Leben. Wer blieb, bloss seinen Ruf."
"Mir war unangenehm bewusst, dass ich der Anlass für diesen Streit war. Ein Streit über Identität, die damals, als es sie so noch gar nicht gab, vielleicht auch die meine war."
"Aber denk nicht, das sei für uns ein Leben am Rand der Gesellschaft gewesen. Es wurde zu unserer Kultur. Zu unserer Eigenheit."
"Der Hannes unter dem Baum, der ruhte nicht bloss. Vielleicht ersann er eine neue Melodie? Für die Obrigkeit mit ihren Landjägern war er ein Faulenzer. Dabei nahm er sich einfach die Freiheit, frei zu leben. Und unterhielt dabei manchen Bauern, der seine Pause bei einem Schwatz im Schatten machte und dabei Neues aus der näheren oder weiteren Welt erfuhr."
"Heute Abend bin ich mit meiner Vaterfamilie und euch ein Jenischer. Morgen bin ich mit meiner Mutterfamilie ein Walser in Davos. Und übermorgen, wenn ich mit der Familie meiner Frau feiere – dann bin ich ein Bauer."
"Ich war nicht von hier. Ich kannte die Wege, die Geschichten, die Winkel nicht, die Ort und Menschen prägten. Und doch beschlich mich eine leise Melancholie. Es war die Melancholie des Heimkehrers, auf den niemand wartet."
"'Die alten Vazer', sagte sie nachdenklich, 'die waren rechthaberisch und dickköpfig, und manche sind es bis heute geblieben. Aber hartherzig waren sie nicht.'"
"Obwohl ich das Haus noch nie gesehen hatte, kam es mir vor, als hätte ich schon oft davon geträumt."
"Ob all die Leute wirklich so waren, wie wir sie beschrieben haben? Bestimmt nicht. Sicher waren sie noch viel wilder, noch tapferer, als wir es uns vorstellen können."
"Ihr Alltag war mühselig und voller Entbehrungen. Gefährlich sogar, demütigend immer wieder. Sie wurden gerufen, wenn man sie brauchte und weggeschickt, wenn nicht. Aber sie konnten das tun, was sie gerne taten. Sie waren ein Ton in der Melodie des Lebens, nicht bloss ein Rädchen im Getriebe. Vielleicht war das ihre Freiheit. Eine Freiheit, die mir heute fehlte."
"Geschichten dehnen die Zeit in der Erinnerung. Die Gleichförmigkeit ist schwer zu ertragen, sie schrumpft in der Erinnerung aber zu einem Punkt. Die Vielfalt jedoch nicht. Du bist um Jahre älter geworden diese Tage, ohne dabei zu altern."
Gigerhannes ist eine historische Figur. Johann Majoleth wurde 1774 geboren, zu einer Zeit, als in der Schweiz noch Frauen als Hexen hingerichtet wurden. Und er starb 1856, als schon die ersten Eisenbahnen durchs Land fuhren. Mit seiner Familie gehörte er zu den vagabundi, den Fahrenden, und am Fuss des Calanda liessen sie sich nieder.
Als sie im Hungerjahr 1817 in Untervaz ankamen, passte ihr gesamtes Hab und Gut auf einen zweirädrigen Karren. Viel mehr besassen auch die nachfolgenden Generationen nicht. Aber sie hatten eine Leidenschaft: Die Musik. Hannes trat mit seiner Frau Mariann (1779–1857) auf – er spielte die Geige, sie das Hackbrett. Musikforscher Szadrowsky, der zu Lebzeiten der beiden in Chur wirkte, bediente zwar das Klischee der schnapsliebenden Tanzmusiker in zerlumpten Kleidern, attestierte ihnen aber auch, "mitunter höchst originelle Musikstücke" zu spielen, "die den Tanzweisen einer längst verschwundenen Zeit angehören".
Unzweifelhaft brachte es Hannes nicht nur in der Musik, sondern auch in der Fabulierkunst weit. Ein nur wenige Wochen vor seinem Tod erschienenes Porträt beschreibt ihn als "Bündner Münchhausen". Gesicherte Fakten zu Hannes’ Biografie existieren nur wenige – und was wir zu wissen glauben, ist vielleicht nicht mal so ganz wahr. Jedenfalls muss er sein Publikum gerne unterhalten haben. Und wenn er für eine gute Geschichte die Fakten da und dort zurechtrücken musste, nahm man ihm das nicht übel. Im Gegenteil: Es hätte ihm niemand zugehört, hätte er es nicht getan.
Sicher war Hannes viel herumgekommen. Die Begegnung mit Louis-Philippe am Caumasee oder das Trinkgelage mit William Turner in Splügen sind allerdings erfunden. Ebenso die Beziehungen zu Anna Göldi und Klara Wendel. Und natürlich auch das Gespräch des Königs in Paris mit Paganini über Hannes' Geige. Apropos Paris: In seinem historischen Roman "Quatre-vingt-treize" ("Dreiundneunzig") nutzt Victor Hugo den Begriff "mayolet", um einen Dandy zu beschreiben. Wobei der Übersetzer Ludwig Schneegans 1874 keine deutschsprachige Entsprechung dafür findet: "Die Geldmäkler der Vivienne-Strasse trugen schmutzige Schuhe, fettes Haar und Bärenmützen mit Fuchsschweif, die 'mayolets' der Valois-Strasse hingegen, die sich von den Dirnen duzen liessen, Lackstiefel, langhaarige Hüte und zwischen den Lippen einen Zahnstocher."
Auch die anderen Geschichten mögen sich in der damaligen Wirklichkeit nicht immer so zugetragen haben, wie sie im Gigerhannes geschildert sind. Vielleicht aber schon. Für eine Biografie gibt es zu wenige schlüssige Fakten, für einen Roman zu viele. Was bleibt, sind Geschichten und Flunkereien.